Caissas unergründlicher Plan
Lange hatten wir darauf hingearbeitet, auch im Turnierschach auf deutscher Ebene mitzumischen, und am zweiten Wochenende des Jahres 2020 war es dann endlich soweit! Unser Pokalvierer durfte sich in die Nähe von Stuttgart aufmachen, um dort mit den Teams der SGEM Dreisamtal, dem SK 1908 Landau und dem ausrichtenden SC Leinfelden die erste Vorrunde zu bestreiten.
Hätten wir geahnt, was uns dort erwartet, wir hätten es uns vermutlich mehrfach überlegt, uns an die Bretter zu setzen. So kam es, dass wir zwei Tage durchlebten, die nichts für schwache Nerven waren und an deren Ende ein, wenngleich vom Glück begünstigtes, Weiterkommen stand.
Nun dürfen wir uns Anfang März zu den ganz schweren Jungs setzen, denn die SF Berlin 1903, SF Deizisau und Sfr. Bad Emstal/Wolfhagen haben allesamt mindestens zwölf Großmeister in ihren Reihen gelistet. Eigentlich passen wir da hervorragend dazu, scheint doch der Name „Schachfreunde“ für Qualität zu bürgen. 😉
Mit der Gewissheit, dass der Pokal seinen eigenen Gesetzen unterliegt, machten wir, das heißt Thomas, Uli, Zarko und meine Wenigkeit, uns voller Zuversicht ins „Ländle“ auf, um dort die nächste Runde zu erreichen.
Die Planung verlief glatt, die Anreise war perfekt und das in Leinfelden eingenommene Mittagessen vorzüglich. Also beste Voraussetzungen, um die Zuversicht in die Tat umzusetzen.
Als wir dann auch noch den schönen Turniersaal erblickten, da wussten wir, dass nun alles von uns abhing, konnten doch die Rahmenbedingungen nicht besser sein.
Die anschließend vorgenommene Auslosung bescherte uns mit dem SK 1908 Landau einen starken Oberligisten, der in die zweite Bundesliga strebt. Das denkbar ungünstigste Los, aber es war klar gewesen, dass wir mit hoher Wahrscheinlichkeit früher oder später auf dieses Team treffen würden.
Schachfreunde Augsburg – SK 1908 Landau
Wie nicht anders zu erwarten war, merkte man anfangs trotz des deutlichen Unterschieds in der Ligazugehörigkeit keine großen Unterschiede und es waren eher unsere Gegner als wir, die nach dem richtigen Weg suchten.
Während mein Gegner vergeblich auf das „London-System“ vertraute, sah sich Thomasens Gegner frühzeitig mit einer dauerhaften positionellen Schwäche konfrontiert. Nicht anders bei unseren „jungen Wilden“, denn Zarko ließ des Gegners „Moderne Verteidigung“ einfach abtropfen und Uli hatte mit dem Entkorken seiner neuen Verteidigung schnell alle Trümpfe in der Hand.
Nur mühsam nahm der Kampf Fahrt auf, weshalb nach etwa eineinhalb Stunden an den vier Brettern erst neun bis vierzehn Züge gemacht worden waren. Zum Vergleich: In der Parallelbegegnung war der Favorit bereits in Führung gegangen.
Selbstverständlich konnten wir dieses Tempo nicht aufrechterhalten, legten mit der Zeit einen Zahn zu und durften uns alsbald über blendende Aussichten freuen. Uli hatte sich ebenso wie ich leichte Vorteile gesichert, Zarko war im Besitz seines geliebten strategischen Vorteils eines Läuferpaares und Thomas stand nunmehr überwältigend, waren doch des Gegners Figuren allesamt damit beschäftigt, etwas zu decken.
Just hier setzten einige kleinere, unbedeutend anmutende Entscheidungen Ereignisse in Gang, die erst wesentlich später zu einem dramatischen Höhepunkt führen sollten. Uli bekam nämlich ein Remisangebot unterbreitet, welches er nach sorgfältiger Prüfung annahm. Zweifelsohne nicht ganz unberechtigt, doch hätte man gefahrlos des Gegners Technik testen können 0,5:0,5.
Anschließend gewann Zarko in beeindruckender Art und Weise. Nachdem er sich das Läuferpaar gesichert hatte, galt es einige präzise Verteidigungszüge zu machen, dann des Gegners Figuren zurückzudrängen und final am Damenflügel anzugreifen. Eine beeidruckend vorgetragene Partie, die selbstredend mit einem Sieg gekrönt wurde. Einem Sieg, der leider zu früh kam – 1,5:0,5.
Denn angesichts der Führung und meiner nach wie vor leicht besseren Stellung, zu der sich ein deutlicher zeitlicher Vorsprung gesellte, ließ Thomas seine ansonsten starke Rechenkraft vermissen, glaubte einen in Stein gemeiselten Ausgleich für den Gegner gefunden zu haben und einigte sich entsprechend auf Remis 2:1.
Er hätte das sicher nicht getan, wenn er nicht das erste Jahr mit mir in einer Mannschaft spielen würde. Zweifelsohne waren meine Aussichten gut, verfügte ich doch nicht nur über fünfzehn Minuten mehr auf der Uhr, mein König stand auch sicherer und das Ansetzen der Hebel war bereits erfolgt.
Allerdings konnte er nicht ahnen, wie virtuos ich auf der Klaviatur der schachlichen Inkompetenz zu spielen vermag. Allen Vorteilen zum Trotz steuerte ich nämlich in der Folge gnadenlos in Richtung Niederlage, was damit begann, dass ich grundlos meine Zeit verstreichen ließ, sodass ich zum Ende hin nur noch Dank des Zeitaufschlags weiterspielen konnte, ging nahtlos in die regelmäßige Wahl des dritt- oder gar viertbesten Zuges und mündete in mehrfachem Übersehen diverser Möglichkeiten.
Am Ende dieser peinlichen Vorstellung stand nicht nur meine Niederlage, sondern auch das Ausscheiden unseres Vierers aus dem Wettbewerb fest, greift doch bekanntlich bei einem Unentschieden die Berliner Wertung, die uns nun einmal hinten sah – 2:2. Das war bitter!
Und während meine Mitstreiter in der Folge versuchten, tröstende Worte für mich zu finden, was ihnen jedoch nicht gelingen sollte, trat der Schiedsrichter mit der Frage an uns heran, ob wir denn bereit wären, weiter am Wettbewerb teilzunehmen.
Unsere Verblüffung ob dieser Frage immens. Waren wir denn nicht eben erst aufgrund meiner Idiotie ausgeschieden? Tatsächlich war dem so, aber die siegreichen Gegner hatten für den Tag danach keine Mannschaft und zogen deshalb zurück.
Selbstredend nahmen dieses Geschenk nur allzu gerne an, weshalb es am Tag darauf gegen SGEM Dreisamtal ging!
SGEM Dreisamtal – Schachfreunde Augsburg
Die Badener, die nur zum Teil von der Änderung der Paarung Kenntnis gehabt hatten, ausgerechnet mein Gegner konnte nicht informiert werden, stellten im Gegensatz zum Vortag ein wenig um und rechneten sich damit wohl bessere Chancen aus.
Dies war vielleicht auch nicht ganz unbegründet, denn mein Gegner, ein alter und mit allen Wassern gewaschener IM, bedurfte keinerlei Vorbereitung, denn er holte einfach etwas hervor, dass er seit über vierzig Jahren praktizierte, mir jedoch in dieser Form gänzlich unbekannt war, Thomas und dessen Gegner lieferten sich ein Theorieduell und Uli stand etwas seltsam. Lediglich Zarko sprang mit Schwarz mit einer scheinbaren Leichtigkeit seinen Gegner an.
Diese kritische Anfangsphase vermochten wir irgendwie zu überstehen, indem sich Thomas anschickte, die Initiative zu übernehmen, ich mir zunehmend kleinere Vorteile sicherte und Uli anstatt eines materiellen Nachteils einen Vorteil vorweisen konnte.
Und Zarko? Er hatte einen taktischen Aussetzer des Gegners umgehend bestraft, sich eine Qualität gesichert und schickte sich an, den vollen Punkt einzufahren. Es sollte auch tatsächlich nicht mehr lange dauern und wir führten erneut Dank meines an jenem Wochenende blendend aufgelegtem Großen – 0:1 aus der Sicht der Badener.
Doch wiederum sollte sich zeigen, dass uns eine gewisse Härte fehlt, die man in den Niederungen des Ligabetriebs leider auch nicht erwerben kann. Im Vorwärtsgang übersah ich einen taktischen Witz und musste umgehend auf jedweden Vorteil verzichten. Trotz des Schocks darüber und der großen Unsicherheit ob meiner am Tag zuvor erlittenen Niederlage, lehnte ich zunächst ein Remisgebot tapfer ab und suchte nach neuen Möglichkeiten.
Diese hatten sich bei Uli leider nicht mehr ergeben, weshalb er nach einigen Ungenauigkeiten eher zähneknirschend ins Remis einwilligen musste – 0,5:1,5 aus der Sicht der Badener.
Es kam sogar noch schlimmer, denn Thomas hatte ein Schach übersehen und dabei ausgerechnet jenen Bauern verloren, der seinen kompletten Damenflügel zusammengehalten hatte. Das sah nicht mehr gut aus.
Ein Remis am Spitzenbrett hätte bei Thomasens Niederlage wieder zur Folge gehabt, dass wir bei einem 2:2 nach Berliner Wertung draußen wären. Aber wie sollte ich selbiges verhindern. Sicher, ich hätte Selbstmord mit Anlauf machen können, doch wäre damit sicher niemandem gedient gewesen. Außerdem bestand ja noch die Hoffnung, dass sich Thomas ins Remis rettet, weshalb ich doch den Punkt teilte – 1:2 aus der Sicht der Badener.
Nun waren die Badener absolut siegesgewiss und insbesondere Zarkos Gegner, der zu einem etwaigen Weiterkommen wahrlich nichts beigetragen gehabt hätte, schwadronierte herum.
Allerdings konnte er ja nicht ahnen, dass auch Thomas „Schach für Tiger“ gelesen hatte und deswegen in Anbetracht der drohenden Niederlage alles nach vorne warf, dabei einen scheinbar unwiderstehlichen Angriff inszinierte und eine Figur gewann. Plötzlich war von Remis keine Rede mehr, vielmehr war es nur noch eine Frage der Zeit, bis der Gegner die Waffen strecken musste. Er tat dies auch und besiegelte damit unseren Sieg – 1:3 aus der Sicht der Badener.
Fazit:
Zweifelsohne hatten wir beim Weiterkommen letztlich auch eine gehörige Portion Glück, dennoch wage ich die Behauptung, dass das Erreichen der Zwischenrunde nicht gänzlich unverdient war.
Denn zum einen hatten wir durchaus reichlich Gelegenheit, beide Kämpfe „regulär“ zu gewinnen und zum anderen reichten offensichtlich mit Thomas, Uli und vor allem Zarko aus, um die Gegnerschaft in Schach zu halten, was ja auch irgendwie honoriert werden musste.
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