Söhne des Ikarus
Am vergangenen Wochenende fand in unserer „Zitadelle“ die erste Runde auf deutscher Ebene im Pokalwettbewerb statt. Zu Gast hatten wir die Teams vom SK 1980 Gernsheim, SC Leinfelden und SC Viernheim, die allesamt recht stark waren, für uns aber nur eine zu nehmende Hürde in Richtung Pokalgewinn darstellten.
So zumindest der Plan, denn wir strebten Ikarus gleich der Sonne entgegen, weshalb wir uns umso mehr freuten, als uns das Traumlos gegen den Bundesligisten aus Viernheim, der mit gleich Großmeistern angetreten war, zufiel. Doch leider zerplatzte nach etwas über sechs Stunden des Kampfes unser Traum vom „Pott“, indem wir denkbar knapp unterlagen.
Von Traurigkeit jedoch keine Spur, denn zum einen hatten wir uns als würdiger Gegner erwiesen und zum anderen bleibt uns noch der Ligabetrieb, wo wir eben andere Heldentaten vollbringen können. 🙂
Aufgrund des Umstandes, dass die Stuttgarter Probleme mit der Belegung ihres Spielokals gehabt hatten – Der SC Leinfelden war ursprünglich als Ausrichter vorgesehen gewesen. -, wurde uns die Ehre zuteil, als Ausrichter zu fungieren. Dies taten wir umso lieber, da wir damit nicht nur unser Jubiläumsjahr würdig eröffnen konnten, auch wurde unseren Vereinskameraden ein sportlicher Leckerbissen geboten, der großen Zuspruch fand.
Bereits am Freitag wurde alles hergerichtet, der Turniersaal sogar etwas geschmückt, sodass es am darauffolgenden Tag nur noch die Auslosung vorzunehmen galt, bevor die Uhren unter Aufsicht eines neutralen Schiedsrichters, Lothar Weimer hatte sich freundlicherweise zur Wahrnehmung dieser wichtigen Funktion bereiterklärt, angedrückt wurden.
Wie eingangs erwähnt, bekamen wir es mit dem Vierer des SC Viernheim zu tun, der neben Dr. Spiegel als Mannschaftsführer mit GM Fedorchuk, GM Zaragatski und GM Thal vor allem drei schachliche Schwergewichte umfasste. Ein Umstand, der andere vielleicht eingeschüchtert hätte, Thomas, Uli, Zarko und meine Wenigkeit jedoch nur zusätzlich anspornte.
Entsprechend munter ging es los und nicht nur die zahlreichen Zuschauer, die trotz des herrlichen Wetters am Nachmittag den Weg nach Oberhausen gefunden hatten, fragten sich, wer in dieser Begegnung der Favorit sei. Zarko besetzte als Nachziehender frech das Zentrum, Thomas bewies einmal mehr, dass sein Wissen umfangreicher als bei so manchem Profi ist, Uli begann mit Ld3 schon früh auf des Gegners Königsstellung zu schielen und ich durfte mich in aller Ruhe gegen einen selten gespielten „Scheveninger“ meines prominenten Gegners aufbauen.
So wurde lange überlegt, gerechnet, taktiert und gekämpft, ohne dass sich etwas nennenswertes ereignet hätte. Zwar hatte Zarko aufgrund eines Vorstoßes dem gegnerischen Läufer auf g2 gestattet, bis weit in sein Lager hineinzustrahlen, was bei oberflächlicher Betrachtung etwas unangenehm wirkte, aber durchaus in Ordnung schien. Dafür hatte Thomas, gleichfalls mit Schwarz spielend, nach wie vor mühelos ausgeglichen und Uli und selbst ich standen bereits leicht besser.
Ulis Gegner schien das ebenso zu sehen, insbesondere Ulis Ld3 erregte sein Missfallen, weshalb er umständliche Manöver unternahm, um diesen endlich vom Brett verschwinden zu lassen. Und gerade in dem Augenblick, als es ihm endlich gelungen war, diesen Sargnagel im nächsten Zug zu entfernen, musste der Viernheimer feststellen, dass unser Uli auch ganz anders angreifen kann. Mit wenigen präzisen Schlägen zertrümmerte er des Gegners Rochade und bevor es dem schwarzen Monarchen endgültig an den Kragen ging, streckte der Badener die Waffen – 1:0
Eine Führung bei nur vier bespielten Brettern ist durchaus beruhigend, wenn diese dann auch noch gegen einen Bundesligisten gelingt, dann setzt das meist sogar noch Kräfte frei. Dies war auch nötig, denn Zarkos Stellung, die wie gesagt in Ordnung, aber nicht unbedingt leicht zu spielen war, drohte nachzugeben, zumindest sah ich zu jenem Zeitpunkt nicht, wie ein Bauernverlust verhindert werden konnte.
Auf jeden Fall schaltete Thomas einen Gang hoch, opferte für das freiere Figurenspiel einen Bauern und setzte seinen Gegner unter Druck. letzteres hatte ich gleichfalls vor, dachte, ich müsse meinem Gegner mit einer Aktion im Zentrum zuvorkommen und wählte leider die falsche Abwicklung. Mein Vorteil war von da an wie weggeblasen, was zur Folge hatte, dass ich auf Halten umschaltete.
Wieder passierte stundenlang nichts, was das Ergebnis in irgendeiner Form geändert gehabt hätte, allerdings neigte sich die Waage zunehmend zu Gunsten der Großmeister. Es fing mit Thomasens Gegner an, der jede Initiative zu neutralisieren gewusst hatte und sich nun in einem Turmendspiel mit Mehrbauern befand, ging über meine Partie, wo GM Fedorchuk im Endspiel Dame-Turm und sechs Bauern gegen gleiches Material druckvoll agierte und gipfelte in Zarkos Partie, die immer weniger Hoffnung bot.
Dann ein weiterer Treffer gegen die Viernheimer! Das Turmendspiel bei Thomas war für den Großmeister schlicht nicht zu gewinnen, wenngleich er sich redlich mühte. Doch irgendwann hatte er es eingesehen, seine Gewinnversuche als vergeblich eingestuft und der Teilung des Punktes zugestimmt – 1,5:0,5.
Kurz danach ging Zarkos Partie zu Ende. Er hatte wahrlich nichts unversucht gelassen, um die drohende Niederlage abzuwenden, aber der Verlust eines Bauern bei anhaltender Druckstellung für GM Zaragatski ließ sogar die Kreativität unseres Topspielers an seine Grenzen stoßen – 1,5:1,5.
Fatalerweise hatte ich Zarkos Ergebnis falsch gedeutet, denn ich hatte mir mit meinem Gegner eine Zeitnotschlacht geliefert, und als mein Großer aufstand, da suchte ich zwar seinen Blick, fand ihn aber nicht. Stattdessen nahm ich an seinem Brett zwei Könige im Zentrum war, was mich veranlasste zu denken, dass er Remis gespielt habe.
Von diesem Irrtum begleitet gelang es mir, die Zeitnot trotz mittlerweile schwieriger Stellung zu überstehen und hätte mir im weiteren Verlauf das Leben leichter machen können, wenn mir nicht ein fataler, aber bei Schachspielern leider häufig vorkommender Fehler unterlaufen wäre. Wie gesagt, die Zeitnot war geschafft, die neue Zeitgutschrift bereits verbucht und dennoch machte ich auch noch den 42. Zug recht flott.
Mein Gegner verfiel daraufhin in langes Nachdenken und entkorkte einen Zug, der meine Pein nur noch größer werden lassen sollte. Trotzdem umschiffte ich alle Klippen, landete in einem keinesfalls einfachen Turmendspiel, wofür ich wenigstens über einen nicht unerheblichen Zeitbonus verfügte.
Dieser wuchs sogar weiter an, als mein Gegner zuästzliche Zeit investierte, um die Abseitsstellung meines Königs noch irgendwie auszunutzen. Dies glaubte er, mit dem opfern von drei seiner insgesamt noch fünf verbliebenen Bauern erreichen zu können. Mir erschien unglaublich, nein, nach reiflicher Überlegung kam ich sogar zu dem Schluss, dass dies in ein forciertes Remis führen würde, weshalb ich zugriff.
Von da an spielten wir beide recht flott, bis mir voller Schrecken gewahr wurde, dass ich mir wohl des Gegners Turm auf a1 gewünscht hatte, er aber trotzig auf b2 stand und so dem König die Flucht nach b1 ermöglichte. Anstatt eines Dauerschachs war die Umwandlung eines Bauern nicht mehr zu verhindern und gab nach etwas mehr als sechs Stunden Spielzeit auf – 1,5:2,5.
Im ersten hatte ich mich maßlos über mich geärgert, dachte ich doch nach wie vor, dass ich wieder einmal für ein Pokalaus verantwortlich sei. Allerdings klärten mich meine Kameraden umgehend auf und mein Ärger verflog, hätte ich doch diese Partie nach meinem Fehler im frühen Mittelspiel niemals gewinnen können. Dies hätte ich jedoch müssen, denn die Berliner Wertung war nach Zarkos Niederlage auf der Seite der Viernheimer.
Fazit:
Ungeachtet der Niederlage war es eine schöne Veranstaltung, die uns zweifelsohne für die wichtigen Spiele im Ligabetrieb gestählt hat. Außerdem war es schön zu sehen, dass wir trotz unseres offensichtlichen Mangels in Bezug auf die Turnierpraxis selbst Großmeistern nahezu ebenbürtig entgegentreten können.
Doch wichtiger als der sportliche Aspekt ist der Umstand, dass wirklich viele Schachfreunde den Weg in die „Zitadelle“ gefunden hatten, um ihren Vierer moralisch zu unterstützen. Ein Teil des Vierers revanchierte sich beim anschließend bzw. zeitweise parallel stattfindenden Wettkampf unserer Dritten gegen die Zweite Auswahl des SK Rochade Augsburg. Aber das wiederum ist eine andere Geschichte! 🙂
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