Hallo Erde

Kreisliga 2: Caissa II gegen Schachfreunde V

Wenn man bei Caissa zu Gast ist, hat man das Privileg, sich als Mannschaftsleiter wie auf einem Feldherrnhügel zu fühlen: Die kleinen Tische stehen eng beieinander und von der Mitte des Raumes kann man sich, einem rotierenden Planeten gleich, über das Geschehen im Schachmikrokosmos auf dem Laufenden halten.

Mit fünf Jungkosmonauten machten wir uns auf die Reise. Da staunten auch die netten Gastgeber, die selbst ebenso eine relativ junge Mannschaft haben.

Fast mit Lichtgeschwindigkeit war Dominic an Brett 3 unterwegs. Schon im frühen Mittelspiel erinnerte die Bauernstruktur seines Gegners an den Großen Wagen: Es waren noch viele schwarze Bauern auf dem Brett, aber sie waren isoliert und Lichtjahre entfernt voneinander. Dominics Läufer cruisten wie Raumschiff Enterprise zwischen ihnen hindurch, zu nutzende Schwächen hatte er keine, und so kam bald die Meldung: „Hallo Erde, die Schachfreunde führen 1:0.“

Ich konnte an Brett 5 die Entwicklung des schwarzen Damenflügels hemmen. Um sich zu befreien, ging mein Gegner ins Risiko und bald ergaben sich taktische Möglichkeiten. Ich drohte das fremde Spacegirl zu fangen und mein Gegner musste nicht nur die Qualität geben, sondern auch hinnehmen, dass meine Gefährtin auf h7 eindrang. Meine zwei Türme stellten schnell nicht mehr zu parierende Mattdrohungen auf (2:0).

Aber nur auf dem Spielberichtsbogen schien unsere Lage komfortabel. An unseren hinteren Brettern sah es nicht rosig aus. Zwar hatte Le Thien eine außerirdisch anmutende Figur in Gestalt eines Springers, der in der gegnerischen Hälfte von einem Bauern gedeckt zentral die offene Linie blockierte und die Stellung beherrschte. Doch aus irgendeinem Grund zog er ihn zurück, statt geduldig den Druck zu vergrößern. Der Rückzug ist bekanntlich eine hohe Kunst und Le Thien geriet kurz darauf in eine tödliche Fesselung seiner Dame (1:2) – gegen einen Gegner mit einer Wertungszahl über 1800, den er lange Zeit in Schach gehalten hatte.

Auch Vasil hatte es an Brett 8 mit einem relativ starken Gegner zu tun. Die Partie war bei symmetrischer Bauernstruktur lange ausgeglichen, doch er musste in einer Taktik zwei Läufer und einen Bauern für einen Turm geben. Da Dame und Springer schon getauscht waren und die Stellung offen war, sah das nicht gut aus. Vasil warf seine Türme wie Saturn-Trägerraketen nach vorne, doch es half nichts mehr (2:2).

Die vier übrigen Partien zogen sich länger hin und waren allesamt schwierig zu beurteilen, jede eine Galaxie für sich. Michael Schr., der an Brett 1 spielte, hatte mittags schon in der U14 gespielt und darauf am Training bei GM Djukić teilgenommen (wie Le Thien). Ein anspruchsvolles Programm und vielleicht lag es auch daran, dass er sich etwas schwer tat. Nach baldigem Damentausch hatte Michael ein starkes Läuferpaar, doch die Springer seines Gegners waren ebenfalls sehr aktiv. Dieser konnte dann die Bauern auf dem Königsflügel schwächen und einen davon gewinnen. Dafür erhielt Michael aber gutes Figurenspiel und Initiative. Leider übersah er eine Taktik, durch die er entscheidend Material verlor (2:3).

Brett 6 (Andy gegen den Kreisvorsitzenden Werner Sedelmayr) fühlte sich nach Schwerelosigkeit an: Wann immer man aufs Brett schaute, immer schien die Partie ausgeglichen. Aber dennoch gab es keinen Grund für ein frühes Remis, denn mit Dame und Springer auf beiden Seiten sowie nicht ganz symmetrischer Bauernstruktur gab es stets Möglichkeiten, nach einem Gewinnweg zu suchen. Andys Springer schien dabei auch besser platziert, aber jeder Vorstoß war mit dem Risiko verbunden, den König (beide Könige waren recht exponiert) einem Gegenangriff auszusetzen. Werner führte dann eine Stellungswiederholung herbei, da sein sämtlicher Bauern beraubter Monarch keinen Gewinn mehr zuließ. Andy vermied auf der anderen Seite alle Tücken und Fallen (2,5:3,5).

Ab hier verlor sich der Mannschaftskampf in den rätselhaften Weiten des Alls, wo sich selbst erfahrene Astronomen nicht mehr auskennen. An eine seriöse Prognose war nicht mehr zu denken. An Brett 2 (Michael St.) war offenbar ein Schwarzes Loch explodiert, denn anders ließ sich die Anordnung der Steine nicht erklären. Michaels König gravitierte fern aller Bauern Richtung Zentrum und war schon auf f6 angelangt. Er sah sich vier verbundenen Freibauern gegenüber. Zugleich waren aber noch haufenweise Figuren auf dem Brett, unter anderem die Damen, und Michael hatte zunächst eine Leichtfigur mehr, gewann dann sogar noch eine zweite. Für diese Beobachtung gibt es keine Garantie, denn leider hatten die Holzfiguren beider Seiten an manchen Brettern fast die gleiche Farbe. An diesem Brett passte das aber gut zu dem ausgebrochenen Chaos. Irgendwie ging Michael eine Leichtfigur wieder verloren, Schwerfiguren richteten sich im Zentrum auf seinen König, hell broke loose, Matt drohte, Weiß hatte Angst, seine vier Freibauern vor dem eigenen König vorzurücken, remis (3:4).

Den Stand bekam Katarina (Brett 4), die sich ansonsten gänzlich auf ihre Partie konzentrierte, mit. Wenn die Mannschaft 3:4 zurückliegt und Katarina das mitbekommt, bedeutet das für den Gegner nichts Gutes. Auf dem Brett befand sich eine Stellung eines Spiels von einem anderen Stern. Auf den ersten Blick war alles normal: Dame, Türme, je noch zwei Leichtfiguren, weitgehend symmetrische Bauern. Die weiße Dame stand allerdings mitten in Katarinas Rochadestellung, dabei fernab der übrigen Figuren. Katarina beherrschte die einzige offene Linie, konnte damit mangels Einstiegsfeld aber nichts anfangen. Der Randbauer von Weiß und d4 waren schwach, sie waren aber kaum anzugreifen. Es war eine Stellung voller Spannung, in der aber keiner die Initiative ergreifen zu vermögen schien. Es folgte ein langes Manövrieren – bis Katarina wusste, dass sie gewinnen musste. Dann machte sie das eben einfach. Der a-Bauer von Weiß fiel, d4 fiel, die weiße Gegeninitiative verpuffte, die schwarze Dame landete auf h2 und es war aus.

Hallo Erde, wir haben ein 4:4 erkämpft, und bitte schickt uns das nächste Mal auf eine etwas weniger aufregende Reise, wenn es gegen die Zweite der SGA geht. Bis dahin sind wir erst mal auf dem zweiten Platz.


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