Figuren, die sich selbständig machen
Nachdem die erfolgreiche 5. und mit kampflosem Sieg die 6. Mannschaft der Schachfreunde bereits am vorangegangenen Wochenende gestartet waren, war nun die 4. am Zug. Die schier endlose Spielpause, eine teils neu zusammengesetzte Mannschaft und viele Ausfälle ließen uns rätseln, wie wir uns schlagen würden. Auch die Gäste aus Mering (2. Mannschaft) mussten mit einigen Ausfällen zurechtkommen, doch nach DWZ waren sie an allen Brettern leicht favorisiert.
Nach einer schnellen Entscheidung sah es an keinem Brett aus und so zeichnete sich früh ein längerer Abend ab. Am ehesten hatte jemand an Brett 3 einen Vorteil – und es war Behzad, der einen Bauern hatte gewinnen und in Vorteil kommen können. Doch unter anderem in dieser Partie sollte sich zeigen, dass die Figuren, als sie in der Corona-Pause so lange Zeit unbenutzt herumlagen, offenbar ein Eigenleben entwickelt haben und sich manchmal unerwartet gegen uns wandten.
Währenddessen ging es an den anderen Brettern ins Mittelspiel, ohne dass sich eine Partei einen klaren Vorteil hätte erspielen können. Lukas suchte in einer positionell geprägten Partie an Brett 1 eine gegnerische Schwäche zu kreieren. Bei Uwe (Brett 4) waren noch fast alle Steine auf dem Brett und der Meringer schickte sich an, Uwes Königsflügel zu bearbeiten. Katarina, eigentlich für die 5. Mannschaft eingeplant, spielte bei uns an Brett 5 und verteidigte sich mit Schwarz sehr umsichtig und ausdauernd. Bei Jonas entwickelte sich an Brett 6 langsam eine offene Auseinandersetzung, während der Jonas in das gegnerische Lager eindrang. Werner (Brett 7) musste nach dem Tausch einiger Leichtfiguren einen Bauern geben, doch der Isolani des Gegners wirkte wenig furchterregend, sondern eher schwach. An Brett 8 spielte eine der großen Nachwuchshoffnungen des Vereins, Michael, und er machte das äußerst geduldig. Wäre es eine Partie auf Lichess gewesen, man hätte vermutet, das Spiel eines alten Hasen zu beobachten. Zug für Zug baute er Druck auf und bereitete sich darauf vor, die gegnerische Stellung aufzuhebeln. An Brett 2 schließlich hatte Alex in geschlossener Stellung die f-Linie geöffnet, investierte einen Bauern und dann tollkühn sogar einen Turm. Zwar erhielt er starken Angriff, doch korrekt war das Opfer keineswegs. Das sah nicht gut aus, aber der Gegner musste auch erst mal Verteidigungszüge finden.
Ausgerechnet an Brett 1 fiel die erste Entscheidung. Die relativ ausgeglichene Position verwandelte Lukas innerhalb weniger Züge routiniert und mit zähem Druck in eine gewonnene, was auch der Gegner schnell einsah. Bei Jonas gab es einige Verwicklungen. Eine zweischneidige Stellung, in der Jonas’ Dame durch die gegnerischen Reihen spazierte wie eine Familie sonntags durch die Lechauen, wurde schließlich zu einem friedlichen Picknick. Zu gleicher Zeit sah Katarinas Gegner ein, dass er ihr Bollwerk unmöglich würde stürmen können, und dank ihrer Verteidigungskunst stand es 2:1 für uns.
Zu diesem Zeitpunkt schöpften wir Hoffnung. Behzad hatte seinen materiellen Vorteil verfestigt, wobei die technische Realisierung, die vor dem Punktgewinn stand, anspruchsvoll schien. Uwes Gegner hatte eine Figur geopfert und klare Kompensation war nicht ersichtlich. Für Werner schien trotz des eingebüßten Bauern ein Remis weiter durchaus möglich. Michael belagerte den Meringer wie eine mittelalterliche Burg, gab beide Türme für die Dame und drückte. Alex’ Gegner hatte tatsächlich nicht immer den besten Verteidigungszug gefunden, musste die Dame gegen einen Turm geben, suchte zwar Gegenspiel, doch in einer zunehmend wüsten Partie hatte Alex weiter Königsangriff. Der Computer zeigte später +11 an, das sollte selbst der Verfasser dieses Berichts nicht mehr vermurksen.
Der Abend war schon vorangeschritten. Dunkel war’s, der Mond schien helle für uns. Hätte Alex nun mit ein paar Schachgeboten einen Turm gewonnen und den gegnerischen Freibauern, der schon auf der vorletzten Reihe war, abgeräumt, so hätten wir mit dem einen oder anderen taktischen Remis wohl die Mannschaftspunkte holen können. Doch stattdessen gab er seinen eigenen Freibauern gegen einen Turm her, übersah ein Dauerschach, das seine letzte Rettung gewesen wäre, und die neue Dame des Gegners machte ihm den Garaus. Zu gleicher Zeit büßte Werner eine Figur ein und auch Uwes Partie entwickelte sich unvorteilhaft. Michael stand weiter gut, doch beide Spieler waren in höchster Zeitnot. Da war es kein Wunder, dass er eine nicht so leicht zu entdeckende Mattkombination übersah. Trotzdem blieb er cool und in etwas überlegener Stellung gewann er auf Zeit, denn 40 Züge waren noch nicht vorbei, als dem Gegner die Sekunden ausgingen. Das bewahrte uns Chancen auf ein Unentschieden, denn Uwe und Werner hatten zwischenzeitlich aufgeben müssen – 3:4.
So hatte Behzad die schwierige Aufgabe, gegen den erfahrenen Mannschaftsführer der Meringer seinen Randfreibauern, den der gegnerische König blockierte, zu verwerten. Auch Behzad geriet zudem in Zeitnot. Es war zu einem Turmendspiel mit mehreren Bauern gekommen, der Turm des Meringers stand nicht gut und Behzad bot den Tausch an. Das wurde akzeptiert. Das Bauernendspiel wäre für ihn wohl gewonnen gewesen, hätte er doch nur mehr als zwei, drei Minuten auf der Uhr gehabt. Das Endspiel erfolgreich zu Ende zu blitzen war aber eine äußerst anspruchsvolle Aufgabe, und dass dies, als Mitternacht nahte, nach fünfstündigem Spiel leider nicht gelang, ist mehr als verständlich.
So verloren wir am Ende doch recht unglücklich 3:5. An denjenigen, die sonst für unsere Fünfte bis Siebte spielen, lag es sicher nicht, denn an den hinteren Brettern erreichten wir ein ausgezeichnetes 2:2. Trotz des enttäuschenden Ausgangs haben wir nach der anfänglichen Ungewissheit immerhin gemerkt, dass wir in der Liga gut mithalten können. Außerdem haben auch andere Mannschaften in diesen schwierigen Zeiten Aufstellungs- und/oder Formprobleme, wie etwa die derbe Niederlage der Ligafavoriten aus Gersthofen bei der SG Augsburg 2 zeigte (6,5:1,5). Die Ballonstädter sind unser nächster Gegner und nun allerdings vermutlich umso heißer. Aber ich denke, wir sind es auch.
Die Ergebnisse finden sich wie immer übersichtlich im Ligamanager: https://www.ligamanager.schachbund-bayern.de/augsburg/ergebnisse/spielplan.htm?ligaId=1818.
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