Schwabenliga 2 Nord: Wertingen – Schachfreunde III
Der Spielplan hatte Mitleid mit uns und führte uns in der vorletzten Runde der Saison ins klimatisch begünstigte Wertingen, wo die Kessellage im Sommer angenehm kühle Luft in der Stadt zurückhalten soll. Leider ist der Sommer noch recht fern und dies belegt, dass unser Ausflug doch nicht unter den günstigsten Umständen stattfand. Denn klimatische Linderung hätten wir gebraucht wie noch nie. Nach Wertingen fuhr nämlich nicht ein Grüppchen mehr oder weniger ambitionierter Schachspieler, sondern ein Krankentransport. Christian, erst jüngst von einem Virus genesen und noch deutlich heiser, Jonas, dessen Immunsystem schon vor dem Andrücken der Uhr sichtbar den Kampf aufgenommen hatte, und Alex R. sen. mit seinen bekannten Schwierigkeiten, auf welche die netten Wertinger freundlicher- und fairerweise durch die Anordnung der Bretter bestmöglich Rücksicht nahmen, erreichten nur mit Mühe den Spielort. Dominic, auf den wir noch bis Sonntagmorgen gehofft hatten, schaffte das nicht, er musste krankheitsbedingt absagen, sodass wir nur zu siebt antraten.
Wäre die zweite Hälfte der Mannschaft gesund gewesen, so hätte das alles nicht so viel ausgemacht. Es zeigte sich aber bald, dass ein großer Teil von ihr von ganz eigenen Übeln heimgesucht wurde. Als Erstes offenbarte sich das bei Alex R. jun. (Brett 8). Er verfiel dem Geschwindigkeitsrausch, denn nach gefühlt fünf Minuten (viel mehr als zehn können es auch objektiv nicht gewesen sein) war seine Partie beendet, und zwar erfolgreich. Sein Gegner war tollkühn genug, es gegen ihn mit einer Art Schäfermatt zu probieren. So etwas wird meist bestraft, in diesem Fall mit einem frühen Damenverlust (1:1). Das gab uns natürlich Linderung wie Wadenwickel oder eine gute Wärmflasche.
Jonas brauchte an Brett 4 mit Schwarz nicht allzu lange, um Ausgleich zu erreichen. Angesichts seines gesundheitlichen Zustands froh darüber, dass sein auf dem Papier etwas überlegener Gegner nicht allzu kampfeslustig schien, willigte er bald in ein Remis ein (1,5:1,5). Auch Christians Stellung war nach der Eröffnung recht ausgeglichen (Brett 1). Doch sein Gegner übersah eine Springergabel auf König und Dame, ein gefesselter Bauer vermochte den Springer nicht zu entfernen. Zwar gewann auch Schwarz die gegnerische Dame, aber nur um den Preis eines eigenen Springers (2,5:1,5). Ich spielte an Brett 6 erstmals in einer Turnierpartie eine neu einstudierte Eröffnung und hätte das mal besser bleiben lassen. Denn auch ich blieb nicht von Krankheit verschont und bei mir war es gleich die geistige Armut. Mit Schwarz erreichte ich nie ganz Ausgleich, schwächte im Mittelspiel sehr gekonnt meine schwarzen Felder, indem ich meinen weißfeldrigen Läufer hinter Bauernketten verbarrikadierte, und ließ den Gegner einen Monsterspringer ins Zentrum stellen. Das ging nicht lange gut, denn mein Gegner nutzte meinen Raummangel und erdrückte mich mit seinen Schwerfiguren (2,5:2,5).
Die drei übrigen Partien dauerten deutlich länger. Alex R. sen. wurde dabei an Brett 3 zum Helden des Tages, und das ist keineswegs übertrieben. In ausgeglichen erscheinender Stellung fand er gegen einen Gegner mit 200 DWZ-Punkten mehr trotz der äußerst schwierigen Rahmenbedingungen eine Taktik und gewann die Qualität. Darauf tauschte er geschickt einige Figuren, was beim Gegner weitere Schwächen verursachte. Ein Bauer ging verloren und der Gegner gab bald auf (3,5:2,5). Es mag in unserer ersten und zweiten Mannschaft Spieler geben, die besser Schach spielen. Aber an Kampfgeist kann es im Verein kaum jemand mit Alex aufnehmen.
So führten wir recht überraschend, aber ein Mannschaftssieg war noch fern. Denn Günther (Brett 2) bekam es mit einer alten Plage zu tun: der Zeitnot. Im Mittelspiel mit zwei Türmen, gleichfarbigen Läufern und Springer auf beiden Seiten verpasste er Weiß die schlechtere Bauernstruktur mit vier Bauerninseln, sein Gegner hatte dafür aber aktivere Figuren. Insbesondere die Türme besetzten gefährlich offene Reihen und Linien. Insgesamt erschien die Stellung dennoch recht ausgeglichen. Doch schon nach kaum mehr als zwanzig Zügen blinkte bei Günther hektisch die Sekundenanzeige. Als die Zeitnot überstanden war, hatte er einen Bauern geben müssen, die weißen Figuren standen noch aktiver als zuvor und die weiße Bauernformation war gesundet.
Katarina (Brett 7) war die Einzige von uns, die gänzlich frisch und frei von Nöten schien. Die Familie war in letzter Zeit ja auch wahrlich genug von Krankheit gestraft. Eine halboffene Linie auf den gegnerischen König konnte sie allerdings nicht nutzen und der Gegner erhielt Gegenspiel im Zentrum. Die Partie wurde nun recht taktisch. Katarina brachte einen Zentrumsbauern auf die vorletzte Reihe, gedeckt von einem Läufer. Da außer vier Türmen nur noch ungleichfarbige Läufer auf dem Brett waren, stand er zunächst sicher. Doch in den folgenden Verwicklungen wurde der Läufer abgedrängt und die Türme tauschten sich. Im Läuferendspiel versuchte der Gegner noch Tricks, aber Katarina blieb cool (4:3).
In bereits schwieriger Stellung hatte Günther mittlerweile einen Großteil seiner letzten halben Stunde aufgebraucht und lebte fast nur noch von den 30 Sekunden Inkrement pro Zug. Er fand noch erstaunliche Verteidigungsressourcen, aber dennoch schnürte der Gegner immer mehr zu. Zwei Freibauern waren weit vorangeschritten. In fast hoffnungsloser Stellung fiel nach über fünf Stunden das Blättchen. Ein großer Kampf von Günther. So erreichten wir ein krankes 4:4, mit dem wir angesichts der Umstände sehr zufrieden sein konnten und das uns auch rechnerisch den Klassenerhalt einbrachte. Das war wichtig, denn nachdem Nördlingen ein weiteres Mal kampflos verloren hat, wäre es am letzten Spieltag sonst zum Vierkampf um den Abstieg gekommen.
An diesem letzten Spieltag geht es zum Derby zu Kriegshaber II, die bislang alles gewonnen haben. Gut, dass wir dort nun befreit aufspielen können. An dieser Stelle geht auch ein Glückwunsch nach Kriegshaber, denn die Mannschaft hat gegen die SGA bereits den Aufstieg perfekt gemacht. Das ist mehr als verdient, denn niemand konnte ihr das Wasser reichen.
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