Ein unbeschwerter Aufsteiger
Der unerbittliche Spielplan sah mit dem MSA Zugzwang II ein weiteres Schwergewicht der Regionalliga für uns vor. Und als wenn diese Hürde nicht bereits hoch genug gewesen wäre, sahen wir uns unvermittelt weiteren Schwierigkeiten gegenüber, sodass wir uns mit einer reichlich unerfahrenen Mannschaft in die Landeshauptstadt aufmachen mussten.
Doch den Mangel an Routine kompensierten wir mit viel Herzblut und Kampfgeist, was uns in der Folge den zweiten Saisonsieg und damit einhergehend unverhofft die Tabellenführung bescherte! 🙂
Berufliche Notwendigkeiten, familiäre Verpflichtungen und gesundheitliche Probleme hatten zur Folge gehabt, dass abgesehen von Misa und mir gleich alle Erwachsenen am besagten Sonntag hatten passen müssen. Die Lage hinsichtlich des Ersatzes war sogar derart angespannt, dass wir mit Mehran den Spitzenspieler der Dritten holen mussten, womit an den Brettern drei bis acht exakt unsere U20-Bayernliga-Mannschaft zum Einsatz kam. Meines Wissens ein Novum in einer bayerischen Regionalliga.
Allerdings beinhaltete das Präsentieren eines Achters noch keineswegs das Ende unserer Sorgen, galt es doch, das Team nach München zu befördern. Freundlicherweise sprang Werner in die logistische Bresche, der sich bereiterklärt hatte, einen Teil unserer „Truppen“ zu fahren, um den Spielern unnötige Fahrt- und Wartezeiten mit dem ÖPNV zu ersparen. Hierfür nochmals meinen herzlichen Dank.
Im Spiellokal der Gastgeber angekommen begegneten wir so manchem Blick, der ob unserer Zusammensetzung zwischen Ungläubigkeit bis hin zur gesteigerten Zuversicht anzusiedeln war. Letzteres jedoch nur bis zum Andrücken der Uhren, denn es sollte schon bald klar werden, warum unsere Jugend zur besten in Bayern gehört.
Bereits nach wenigen Zügen wurden unsere Gegner mit Varianten konfrontiert, die sie teilweise zum tiefen Grübeln veranlassten. Lediglich Roberts Brett stellte hiervon eine Ausnahme dar, denn Robert ließ sich zu einem äußerst frühen Damentausch hinreißen, der vermeintlich Vorteil versprach, womit er sich aber selber seiner Stärke, nämlich der Taktik, beraubte und sich zurechtzufinden versuchte, während sein Gegner auf bekannte Motive und Pläne zurückgreifen konnte.
Aber wie bereits erwähnt, an den anderen Brettern tickten die Uhren erbarmungslos gegen die Münchner, die sich zu orientieren versuchten. So hatte Misas Gegner überraschend auf den „Scheveninger“ zurückgegriffen, welcher nicht unbedingt zu seinem Repertoire gehört. Hier den richtigen Pfad zu finden, dann auch noch gegen einen Großmeister, stellt in der Regel keine leichte Aufgabe dar. Viel schlimmer erwischte es Zarkos Gegner, ein überaus erfahrener Mann, der frühzeitig nicht wusste, wie ihm geschah. Uli stand mit seinem „Franzosen“ ebenso fest, wie Robert gegen „Philidor“. Dafür deuteten Jakob und Mehran bereits jenen Druck an, der im Laufe der Begegnung auf den jeweiligen Gegner zurollen sollte. Auch Sofie hatte keinen Grund zur Klage, schien sie doch mit dem auf dem Brett befindlichen Stellungstyp bestens vertraut.
Sogar mein Gegner war genötigt, reichlich Zeit zu verbrauchen, wobei hier unklar war, ob er dies zwecks Planfindung tat oder mit dem Schicksal haderte, dass ausgerechnet er gegen einen offensichtlich verstörten Gegner spielen musste. Ich hatte nämlich den blendenden Einfall gehabt, die „Cambridge Springs Verteidigung“ zu spielen, obwohl der weiße schwarzfeldrige Läufer nicht auf g5, sondern auf f4 stand. In der Folge fehlte natürlich so manches taktische Motiv, was meine Aufgabe, einen Ausgleich zu erzielen, wesentlich erschwerte. Es ging sogar soweit, dass ich mit fortschreitender Dauer zusehen durfte, wie meine Stellung pulverisiert wurde.
Doch abgesehen von diesem Arbeitsunfall an meinem Brett standen wir gut. Teilweise sogar so gut, dass an dem ein oder anderen Brett sogar ein Punkt am Horizont zu stehen schien. Daher war ich als Mannschaftsführer, keineswegs als Spieler, mit dem Verlauf überaus zufrieden.
Diese Zufriedenheit nahm umso mehr zu, als Zarko für die Führung sorgte. Dies hatte sich bereits früh abgezeichnet, hatte Zarko doch mit einer Serie starker Züge seinen Gegner offenkundig zur Verzweiflung gebracht. Und wäre nicht mein gesamtes Mitgefühl in Selbstmitleid ob meiner „Leistung“ übergegangen, ich hätte durchaus Mitleid mit ihm empfunden – 0:1 aus Münchner Sicht.
Es sollte nicht lange dauern, da erhöhte Mehran zur 2:0-Führung, indem er den Gegner binnen 28 Zügen zur Aufgabe zwang. Dabei hatte es kurzzeitig den Anschein gehabt, als hätte der Münchner alles im Griff gehabt. Aber ein geschicktes Qualitätsopfer gepaart mit einigen taktischen Schlägen zeigten schnell auf, dass Mehran einfach weiter gerechnet hatte – 0:2 aus Münchner Sicht.
Mit diesem Vorsprung im Rücken, Misas und Jakobs tollen Stellungen und Ulis Bollwerk bewegten wir uns deutlich auf einen knappen, wenngleich ungefährdeten Sieg zu. Da machte es auch nichts, dass Robert immer mehr ins Hinterttreffen geriet, Sofies König im Zentrum feststeckte und meine Stellung diesen Namen schon lange nicht mehr verdiente.
Überraschenderweise entglitt Jakob in Zeitnot, diese war mir vorher überhaupt nicht aufgefallen, die Partie und er musste sich mit einem Remis begnügen, statt sich über einen vollen Zähler freuen zu können – 0,5:2,5 aus Münchner Sicht.
Quasi als Kompensation hatte sich Ulis Gegner beinahe fünfzig Minuten mit einer recht ereignislosen Stellung beschäftigt, weshalb ihm nun natürlich die entsprechende Bedenkzeit fehlte, um neu auftretende Probleme zu lösen. Zugleich hatte sich Misas Situation weiter verbessert, sodass der Erfolg immer näher rückte.
Dafür hatten sich bei Robert die Rauchschwaden dermaßen gelichtet, dass zu erkennen war, dass eine Niederlage nicht mehr lange auf sich warten lassen wird. Und tatsächlich sollte es seinem Gegner vorbehalten sein, für den Anschluss zu sorgen – 1,5:2,5 aus Münchner Sicht.
Damit nicht genug, denn die Gastgeber kamen gar zum Ausgleich. Doch nicht wie seit Stunden erwartet an meinem Brett, vielmehr musste Sofie die Waffen strecken. Ihr war letztlich zum Verhängnis geworden, dass der Gegner angesichts des in ständiger Bedrohung lebenden schwarzen Monarchen durch Bauernopfer alle Schleusen für den finalen Angriff geöffnet und den schwarzen König mitten im Feindesland Matt gesetzt hatte – 2,5:2,5.
Es blieb jedoch keine Zeit, um Spannung aufkommen zu lassen, denn Ulis Gegner hatte trotz des Zeitaufschlages von 30 Sekunden pro Zug die Zeitkontrolle nicht geschafft und Misas Gegenüber zog es vor, unvermittelt aufzugeben, noch bevor Misa seinen Vorteil technisch anspruchvoll hatte verwerten müssen – 2,5:4,5 aus Münchner Sicht.
Ein Blick in den Turniersaal offenbarte zur allgemeinen Überraschung, dass ausgerechnet die Begegnung am zweiten Brett, einem Brett, an dem der Kampf bereits frühzeitig zu unseren Ungunsten entschieden schien, noch lief. Dies war neben der verkorksten Eröffnung auch meinem planlosen Mittelspiel und einem Figureneinsteller in Zeitnot geschuldet. Gut, die Figur hatte der Gegner zwar nicht mitgenommen, doch war sein Vorteil nach wie vor erdrückend.
Was jedoch im Anschluss folgte, das war ein Drama, dass selbst ein Shakespeare nicht erschütternder hätte darstellen können. In einer Stellung mit Mehrbauern bot mir mein Gegner nach reiflicher Überlegung – Oder war es eher Überwindung? -, Remis an, welches ich in Kenntnis meiner schlechten Lage dreist ablehnte. Bei beidseitig knapp werdender Bedenkzeit landeten wir in einem Turmendspiel, welches zwar einen Mehrbauern für mich bereithielt, mir aber nicht mehr als einen halben Punkt versprach. Mein Gegner bewies mir jedoch das Gegenteil und nach einigen Manövern durfte ich mir unverdient einen vollen Zähler eintragen, womit ich für ein etwas überhöhtes Endergebnis sorgte – 2,5:5,5 aus Münchner Sicht.
Fazit:
Nachdem wir diese in jeder Hinsicht kritische Situation unbeschadet überstanden haben, dürfen wir uns nicht nur vorübergehend an der Tabellenspitze sonnen, sondern scheinen zugleich den Klassenerhalt frühzeitig sichern zu können. Außerdem haben wir nun die beruhigende Gewissheit, dass wir tatsächlich dermaßen breit aufgestellt sind, um sogar größere Ausfälle kompensieren zu können.
Der nächste Kampf gegen die dritte Mannschaft des FC Bayern München wird zeigen, ob eventuell ein Anklopfen an das Tor zur Landesliga möglich ist. Denn sollten wir nach der dritten Runde immer noch vom ersten Platz her grüßen dürfen, dann wäre vielleicht sogar eine kleine Sensation drin.
Aber all das ist Zukunftsmusik. Nun heißt es eher, sich auf die nächste Begegnung vorzubereiten und diese erfolgreich zu gestalten. Etwas, was ganz sicher gegen die Interessen der erfolgsverwöhnten Bayern stoßen dürfte und die sich entsprechend zur Wehr setzen werden.
Bis dahin kann ich allen nur empfehlen, sich die aktuelle Situation im Ligamanager zu Gemüte zu führen, hat man es doch schon seit längerer Zeit nicht mehr gesehen, dass in der Regionalliga Süd-West ein schwäbischer Verein die Tabellenspitze ziert.
Schreibe einen Kommentar