Kreisliga 2: Gersthofen – Schachfreunde V
„Mit dieser ersatzgeschwächten Mannschaft war nicht mehr drin.“
„Aber wir haben viel gelernt.“
So hätte der Dialog auf der Rückfahrt aus Gersthofen zwischen Alex R. sen. und mir ablaufen können. Denn für drei Jugendspieler, Theo, Andy und Gabriel, war es der erste Einsatz in der Kreisliga 2 und an unseren beiden Spitzenbrettern saßen zwar erfahrenere Schachfreunde, aber Michael St. und Katarina sind immer noch in der Eröffnung ihres Lebens und beide hatten Senioren weit jenseits von 1900 DWZ als Gegner.
Wohl zum letzten Mal spielten wir im Gasthof Stern in Gersthofen, denn unsere Nachbarn ziehen um. Ein bisschen unruhig war es diesmal im Erdgeschoss, weil die Wirte sich im Nachbarraum die Zeit mit dem Genuss von Schlagern vertrieben, aber wir wurden wie immer nett empfangen und mit den Schlagern nur beglückt, wenn die Tür hin und wieder offen blieb.
Unser erster Schlager hieß „Gunter, komm bald wieder“, denn an Brett 5 gewann unser sächsisches Ass früh einen Bauern und baute dazu ein mächtiges Bauernzentrum auf. Bald war beim Gegner noch eine Qualität fällig, Gunter wickelte ins Endspiel ab und der erste Punkt war nach kaum mehr als einer Stunde eingefahren – 1:0.
An Brett 7 spielte Andy „Atemlos durch die Nacht“, denn auch er gewann früh einen Bauern und in einer offenen Stellung richteten sich beide Läufer nebeneinander auf der b-Linie auf den gegnerischen König. Schwarz musste die Bauern vor seinem König zur Abwehr aufziehen, die Dame drang auf h7 ein und mit einer hübschen Schlusskombination hätte Andy zwei Leichtfiguren gewonnen, hätte der Gegner nicht aufgegeben.
Michael St. saß an Brett 1 und die Spitzenbretter hatten die Aufgabe, gegen die erfahrenen und für die Kreisliga 2 sehr starken Gegner zunächst mal ein Unentschieden zu halten. Das erledigte Michael mit bemerkenswerter Coolness. Es wurde getauscht, was ging, und bald war eine symmetrische Bauernstellung mit nur noch wenigen Figuren auf dem Brett. Da hieß es dann bald „La Paloma“ und die Friedenstaube brachte das Remis. Mit diesem Zwischenstand 2,5:0,5 waren wir optimistisch, denn nur bei mir selbst sah es zu diesem Zeitpunkt weniger günstig aus, wobei auch ich mir noch Hoffnungen machte.
Gabriel hatte dem Gegner an Brett 8 mit Schwarz eine kleine Bauernschwäche beigebracht und auf der a-Linie standen sich lange die Türme gegenüber, aber sonst waren die Linien weitestgehend geschlossen. Das blieb auch so, bis alle Leichtfiguren getauscht waren. Zwar hatte Gabriel zwischendurch einen Bauern verloren, aber es schien für Weiß aussichtslos, das im Schwerfigurenendspiel auszunutzen, denn Schwarz hatte mehr Druck. „Marmor, Stein und Eisen bricht“, aber Gabriels Festung nicht – 3:1.
Die restlichen vier Partien dauerten eine ganze Weile länger. Katarina hatte an Brett 2 nach längere Zeit weitgehend ausgeglichener Stellung am Übergang zum Endspiel noch Dame, Turm und Läufer, der starke Gegner Springer statt Läufer. Auf beiden Seiten gab es kleinere Bauernschwächen. Katarina konnte ihre Figuren schneller koordinieren und hatte die Initiative. Sie gewann erst die Qualität, gab sie dann zurück. Auch die Damen waren verschwunden. Im Bauernendspiel hatte ihr Freibauer ein Tempo Vorsprung vor dem des Gegners, beide waren davor, sich wie in einer „Polonäse Blankenese“ auf die gegnerische Grundreihe zuzubewegen und Weiß gab etwas überraschend auf. Aber nach dem erneuten Damentausch hätte Katarina mit einem Mehrbauern wohl keine schlechten Chancen gehabt (4:1).
Alex R. sen. sah sich als Weißer an Brett 3 am Damenflügel mit einer gegnerischen Bauernmajorität konfrontiert, die schon bedrohlich auf die fünfte Reihe vorgerückt war. Mit einer kleinen Kombination gewann er den h-Bauern vor dem gegnerischen König. Die Dame, die dies erledigt hatte, musste zwar wieder zurück und die gegnerische konnte aktiviert werden. Doch bald löste Alex nicht nur seinen Doppelbauern auf, sondern erzwang gegen seinen sympathischen Gegner, eine Neuverpflichtung der Gersthofener aus Aserbaidschan, die auch bei unserem Open mitgespielt hat, ebenso den Damentausch. Als zudem ein gedeckter Freibauer entstand, war die Partie und damit der Mannschaftskampf entschieden. Wenn man neben Alex sitzt und ihn wieder einmal seinen Gegner durch Anhäufen kleiner Vorteile niederringen sieht, ahnt man schon, wie es ausgeht, und möchte summen: „Du entschuldige, i kenn di“. Das war das 5:1.
Theo spielte an Brett 6 eine grundsolide Partie. Zwar konnte sich der Gegner wegen kleinerer Feldschwächen mit zwei Leichtfiguren in Theos Rochadestellung festsetzen, doch diese wurden weggetauscht. Im Endspiel erlangte Theo nach und nach mit viel Übersicht und Geduld Vorteil und schließlich war die Stellung nicht mehr zu halten und es hieß „Theo, wir hol’n den Sieg“.
Nur an meinem Brett wurde kein Schlager gespielt. Stattdessen lief „London Calling“ von The Clash und mit dieser Punkeröffnung kam ich nicht zurecht. Nach zwei strategisch falschen Entscheidungen stand ich schon am Ausgang der Eröffnung positionell auf Verlust, ohne das wahrzuhaben. Zwar lief meine Partie am längsten, doch bekam ich nie Gegenspiel. Mit einer Qualität weniger und je vier Bauern auf dem Königsflügel hätte ich die Verteidigungsschlacht auch in die fünfte Stunde hinein fortsetzen können, aber ich ließ es gut sein (6:2).
„Das ist erstaunlich, dass wir mit dieser ersatzgeschwächten Mannschaft so erfolgreich waren“, sagte Alex R. sen. im Auto zu mir.
Aber da musste ich ihm widersprechen: „Das war kein Ersatz. Die Jugendspieler können in der Liga jederzeit problemlos mithalten.“ 2,5 Punkte an Brett 6–8 bei der Ligapremiere lassen keinen anderen Schluss zu, die Partieverläufe auch nicht.
Weiter geht es am 9. Dezember gegen das starke Team von Rochade II. Den Gersthofenern wünschen wir, dass sie bald die Kurve bekommen, denn in die Kreisliga 2 gehören sie mindestens. Wenn es am nächsten Spieltag gegen Göggingen II klappt, käme uns das nicht ungelegen.
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