Um Haaresbreite
Lange hatte es den Anschein gehabt, dass die Meisterschaften der weiblichen Jugend abgesagt hätten werden müssen, denn verschiedene Austragungsorte hatten die Zusage zurückgezogen. Doch dann fand sich mit dem Heiligenhof in Bad Kissingen ein Ort, der die Durchführung der Meisterschaft, quasi in Verlängerung jener der Jungs, ermöglichte.
Das war ungemein erfreulich, denn nicht nur, dass sich die Mädchen bzw. jungen Damen sehr darüber freuten, auch unsere Katarina genoss es sichtlich, wieder am Brett zu sitzen. Diese Spielfreude machte sich auch in ihren Partien bemerkbar, wo sie sowohl die Meisterin als auch die Vizemeisterin an den Rand einer Niederlage brachte. Am Ende sprang ein 3. Platz heraus, zu dem herzlich gratuliert werden darf. 🙂
Als mich Katarina darum bat, einen Freiplatz für sie zu beantragen, da freute ich mich sehr, hatte sie sich doch leider schon vor etwa zweieinhalb Jahren vom Schachsport zurückgezogen. Deswegen bangte ich umso mehr, dass „Corona“ scheinbar alles daransetzte, um ihre Rückkehr unmöglich zu machen.
Glücklicherweise ließen sich die Verantwortlichen der Bayerischen Schachjugend nicht entmutigen, suchten weiter tapfer nach einem Austragungsort und wurden im dritten Anlauf für ihre Beharrlichkeit und Mühen belohnt. Also auf nach Bad Kissingen!
Dort angekommen suchten wir unser Zimmer auf, wir wollten neben dem Schach auch etwas gemeinsame Zeit verbringen, und wurden mit der Information überrascht, dass zwei Teilnehmerinnen bedauerlicherweise abgesagt hatten, sodass in der U18 ein kleines Sechserfeld in einem Rundenturnier die Meisterin ausspielen werde.
Weniger Schach, die geplanten Doppelrunden entfielen mangels Notwendigkeit, bedeutete automatisch mehr Tochter-Vater-Zeit, die wir in der Folge auch zu nutzen wussten, doch zunächst hieß es, sich der ersten Gegnerin zu stellen. Diese war mit Maria Schilay (SK Neumarkt), eine Angehörige der bekannten Neumarkter Schachfamilie, eine auf bayerischer Ebene bestens bekannte Spielerin.
Dass unsere Katarina in der Zwischenzeit nichts verlernt hat, das sollte sich gleich in der Eröffnung zeigen, wo sie den „Geschlossenen Sizilianer“ der Gegnerin aus der Eröffnung heraus zerplückte. Es war sogar so schlimm, dass ein Schwarzsieg in unter zwanzig Zügen möglich gewesen wäre, wenn unsere „Amazone“ den richtigen Weg beschritten hätte.
Ihrer war leider nur vermeinlich gut, denn obwohl sie die Dame gewonnen hatte, verlangten ihr die dafür investierten Turm und Läufer der Gegnerin eine Engelsgeduld und genaues Spiel ab. Mit beidem war Katarina an jenem Tag gesegnet, sodass sich ihre Stellung nicht nur stetig verbesserte, sie gewann „unterwegs“ auch einen wichtigen Bauern. Nun hätte mit einem Sieg die erste Runde einen würdigen Abschluss gefunden, wenn Katarina nach knapp fünf Stunden nicht erschöpft gewesen wäre. Sie begann Gespenster zu sehen, war gar versucht, einen Turm einzustellen, und zog mit einem Remis die Notbremse – 0,5/1.
Als wenn sie den Vortag hätte vergessen machen wollen, legte Katarina in der zweiten Runde furios los, indem sie das altbewährte „Schottische Gambit“ entkorkte. Die Gegnerin wähnte sich in einer sicheren Variante der „Ungarischen Verteidigung“ und wurde für diesen Irrtum nach nur acht Zügen Matt gesetzt – 1,5/2.
Den Nachmittag für reichlich Programm, tiefsinnige Gespräche und etwas Vorbereitung nutzend ließen wir den Abend gemütlich ausklingen. Vermutlich die beste Vorbereitung auf eine wichtige Partie, denn ein Sieg gegen eine direkte Konkurrentin hätte in diesem kleinen Feld mit hoher Wahrscheinlichkeit die Qualifikation zur Deutschen bedeutet.
Zur dritten Runde trat Katarina entsprechend ausgeruht an und legte wie schon in der ersten Runde, obwohl die schwarzen Steine führend, beeindruckend los. Mit einer erfreulichen Aggressivität ließ sie die Gegnerin vor ihrem „Sizi“ erzittern, indem sie sich gleich zu Beginn zwei gesunde Mehrbauern sicherte. Dann jedoch schien sie ihrem „Glück“ nicht recht trauen zu wollen, verringerte den Druck und machte damit die Gegnerin unnötig stark.
Diese, im Gegensatz zu Katarina überaus turniererfahren, wusste geschickt die Gunst der Stunde zu nutzen, entfaltete selber mit dem verbliebenen Material etwas Druck, von einem Angriff zu sprechen wäre vermessen, und sicherte sich so einen halben Punkt – 2/3.
Nach den zwei verschenkten halben Punkten gegen die Mitfavoritinnen befand sich Katarina in einer unangenehmen Ausgangslage. Nur mit zwei Siegen hätte sie aus eigener Kraft die nächsthöhere Ebene erreichen können. Entsprechend feilten wir nach einem ausgiebigen Spaziergang an der richtigen Vorgehensweise.
Als am nächsten Morgen die Runde freigegeben wurde, da schien es zunächst so, dass unsere Vorbereitung greifen würde. Allerdings wich Katarina an einer entscheidenden Stelle von der Vorbereitung ab, weil sie einen Damentausch unbedingt vermeiden wollte. Ein verhängnisvoller Fehler, der sie zunächst die Struktur, später einen wichtigen Bauern und schließlich die Partie kosten sollte – 2/4.
Diese Niederlage drückte zwar auf ihre Stimmung, welche sich jedoch nach einem weiteren Spaziergang, an dessen Ende ein köstliches Eis auf sie wartete, merklich aufhellte. So sehr sogar, dass jeder Hauch eines Frustes verflogen war.
Das bekam am Folgetag ihre Gegnerin der letzten Runde zu spüren, die ihren Anzugsvorteil nie zur Geltung hatte bringen können, früh in die Defensive gedrängt wurde und abschließend dabei zusehen durfte, wie Katarina die Stellung zerlegte – 3/5. Ein schöner Abschluss, der unserer „Amazone“ den letzten Platz auf dem Treppchen sicherte.
Fazit:
Ein schönes Turnier, bei dem auffälig war, dass es nahezu keine“Salonremisen“ gab, nutzten doch alle die Gelegenheit, nach langer Pause wieder am Brett zu sitzen und Schach in der Form zu spielen, wie wir es alle kennen und lieben. 🙂
Für Katarina wäre zweifelsohne mehr drin gewesen, aber der mögliche Erfolg verblasst vor dem Hintergrund, dass unsere „Amazone“ ihre Motivation wiedererlangt hat. Denn unmittelbar nach dem Turnier erkundigte sie sich bereits, wo es denn die nächste Möglichkeit gebe, an einem Turnier teilzunehmen! 🙂
Abschließend möchte ich mich noch beim Betreuerteam der BSJ, bestehend aus Edin, Fabian, Maria und Stefan bedanken, die nicht nur zum Teil zwei Wochen im Einsatz waren, sie hatten auch stets ein offenes Ohr und fanden die Zeit für ein kurzes Pläschchen mit den Eltern.
Und natürlich darf die obligatorische Turnierseite nicht fehlen, die wieder all jene Informationen enthält, die die Leserschaft normalerweise zu interessieren pflegen. Viel Spaß beim Schmökern.
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