Kreisliga II: 1. Runde; Schachfreunde Augsburg I – SV Thierhaupten I 5:3

Durchatmen und abhaken

 

Die Vorfreude auf die neue Saison war riesig. Denn nicht nur, dass unsere erste Mannschaft aufgrund zahlreicher Neuzugänge stabiler aufgestellt werden konnte, wir sind auch endlich in einer Liga angelangt, in der es auch gegen andere „Flaggschiffe“ zu bestehen gilt! Entsprechend zahlreich, wir vermochten auf Anhieb gleich sieben Stammspieler aufzubieten, etwas, wovon ich als Mannschaftsführer in der letzten Spielzeit zwischenzeitlich nicht einmal zu träumen gewagt hatte, und motiviert gingen wir in die Begegnung gegen Thierhauptens Erste, die es zu bezwingen galt, um das Saisonziel des Aufstiegs nicht gleich zu Beginn zu gefährden.

 

Allerdings verlief der Kampf komplett anders als von uns ursprünglich gedacht, weshalb in der Folge von keinem überzeugenden oder gar glorreichen Erfolg berichtet werden kann, vielmehr muss der Kampf als dreckiger Arbeitssieg eingestuft werden. Aber auch so etwas ist manchmal nötig und zeichnet eine Spitzenmannschaft aus.

 

Dabei hatte anfangs nichts darauf hingedeutet, dass es ein nervenaufreibender Abend werden würde. Denn alle Schachfreunde waren pünktlich zum Aufbauen erschienen, sogar unser Hans, der in der letzten Saison lange von einer Krankheit belästigt worden und mit dem Fahrrad aus dem tiefen Süden der Stadt angereist war. Und als dann auch noch unsere Gegner eingetroffen waren, ihre Mannschaftsaufstellung abgegeben hatten und uns mitteilten, dass sie ein Brett freilassen müssten, da schien alles für ein Schachfest bereit. Aber wie gesagt, es schien nur so.

 

Nachdem die Uhren angedrückt worden waren, da musste ich gerade einmal ca. 20 Minuten zuschauen, ausgerechnet meinen Gegner hatte eine plötzlich aufgetretene Krankheit ereilt, um zufrieden festzustellen, dass alles auf einen Kantersieg hindeutete. Denn Hans merkte man seine langjährige Pause überhaupt nicht an, attackierte er doch seinen Gegner bei erster Gelegenheit mit dem Königsgambit und stand einfach nur toll. Zarko hatte seine anfängliche Verwirrung ob der Zugfolge seines Gegners – 1. e4 c5 2. Sf3 e6 3. c4 Sc6 4. d3?! Sf6 5. e5? – abgelegt und setzte mit Schwarz zur unmittelbaren Bestrafung an. Auch die Begegnung am 4. Brett bot Grund zur Freude, denn Martin hatte gegen den „Holländer“ eine vorteilhafte Stellung erreicht und erweckte den Eindruck, genau zu wissen, wie er den Vorteil noch vergrößern könne. Beim frisch ins Team berufenen Andreas sah es zwar noch nicht ganz so gut aus, aber er hatte sich eine schwarze Festung errichtet, aus der er jederzeit einen Ausfall inszinieren konnte – ganz sein Ding. Auch Jorge, der in zahllosen Blitzschlachten stets alles auf den gegnerischen König zu werfen pflegte, begnügte sich an diesem Abend mit dem kleinen, aber dauerhaften Vorteil des geschlossenen Spaniers, und nur sein atemberaubendes Zugtempo ließ sein Temperament erahnen. Dieses war auch ausschlaggebend dafür, dass er bei der ersten Unachtsamkeit des Gegners sofort zugriff und einen gesunden Mehrbauern einheimste. Und um alles abzurunden standen Robert und Mehran bereits kurz nach der Eröffnung leicht besser. 🙂

 

Leider durfte ich nicht viel länger in diesem Zustand der Zufriedenheit und innerer Ruhe verharren, denn Mehran und Robert hatten in einer Art stiller Übereinkunft beschlossen, den dargebotenen Vorteil nicht in Anspruch zu nehmen und Jorge, immer noch unglaublich schnell ziehend, wovon neun verbrauchte Minuten für 24 Züge zeugen, hatte seinen gesunden Mehrbauern geopfert, um des Gegners Dame irgendwie zu fangen. Gerade dieses „Irgendwie“ wollte sich der Gegner leider zeigen lassen, sodass Jorge trotz ausgeglichenen Materials plötzlich um Ausgleich kämpfen musste.

Als wenn das nicht schon schlimm genug gewesen wäre, hatte sich Hans durch einen scheinbaren Angriff mittlerweile verrannt und musste zurückrudern. Gekrönt wurde diese schachliche Auszeit der Mannschaft dadurch, dass der ansonsten grundsolide Zarko nicht nur einen Bauerngewinn für positionelle Vorteile verschmäht hatte, die er im Übrigen auch mit dem Mehrbauern gehabt hätte, er stellte auch noch einzügig die Partie ein!

Angesichts dieser Entwicklung wurde ich von einer inneren Zerissenheit ergriffen, denn einerseits wünschte ich mir meinen Gegner herbei, um das Elend nicht mitansehen zu müssen, andererseits befürchtete ich, dass ich mich an diesem Tag nahtlos dem Treiben meiner Kameraden angeschlossen hätte. Da half es auch wenig, dass Andreas immer noch solide stand und Martin zielstrebig Richtung Punktgewinn marschierte.

 

Just in dieser angespannten Situation gingen wir plötzlich mit 1:0 in Führung, denn es war zwischenzeitlich 19.00 Uhr und ich durfte bei mir ein +:- eintragen. Und während ich das tat, bekam ich mit, dass die Begegnung am 3. Brett zu Ende war. Ich ging also an Zarkos Brett, gratulierte dem Gegner und tröstete meinen Großen, so ein Fauxpas kann doch schließlich immer passieren, insbesondere wenn Kinder erst ab 18.00 Uhr zum Partiebeginn antreten dürfen, und wollte schon den Ausgleich für Thierhaupten eintragen, als mich beide Spieler auf meinen Irrtum aufmerksam machten. Zwar hatte Zarko tatsächlich eine glatte Verluststellung, aber der junge Gegner hatte mit dem offensichtlichen Gewinnzug, einem Mehrbauern und vernichtenden Königsangriff gesegnet ein Remisgebot unterbreitet, was kein vernünftiger Spieler hätte ablehnen können – 1,5:0,5. Was für ein Glück!

Kurz danach erhöhte Martin zur 2,5:0,5-Führung, hatten doch dem Gegner beide Optionen, nämlich Matt oder Damenverlust, nicht gefallen, weshalb er die Waffen gestreckt hatte.

 

Doch trotz der Führung wollte bei mir keine richtige Freude aufkommen, denn Robert hatte einen glatten Minusbauern und wusste offenbar nicht, wie er sich verteidigen sollte, Hans´ Stellung wurde immer anrüchiger und bei Andreas, Jorge und Mehran war bei bestem Willen keine Spur von Vorteil zu entdecken. 🙁

Daher kam es auch keineswegs überraschend, als Jorge und Mehran die dargebotenen Friedenspfeifen rauchten, womit es 3,5:1,5 stand und wir nur noch einen Brettpunkt benötigten, um den Mannschaftssieg einzufahren.

 

Aber wo sollte dieser herkommen? Schließlich hatte Robert mehrere Gelegenheiten verstreichen lassen, wieder alles halbwegs auszugleichen, Hans war genötigt worden eine Figur, wenngleich für drei Bauern, zu opfern, um den gegnerischen Angriff abzuschwächen und bei Andreas bahnte sich plötzlich eine unangenehme Zeitnot an. 🙁

 

Überraschenderweise ging es nun relativ flott, denn nachdem Robert kapituliert und damit für den Anschluss der Thierhauptener gesorgt hatte, bot sich Hans eine taktische Gelegenheit, das letzte verbliebene Turmpaar zu tauschen. Doch von diesem Manöver gänzlich überrascht griff der Gegner, der bis dato einen tollen Kampf geboten hatte, fehl und verlor bei seiner Abwicklung seinen Turm. Dies ließ sich unser Routinier selbstredend nicht mehr nehmen und verwandelte binnen weniger Minuten zum 4,5:2,5. Puh!

Und jetzt, da der Kampf entschieden war, wurde Andreas die Punkteteilung offeriert, die dieser in Anbetracht aller Umstände, insbesondere der Komplexität seiner Stellung bei knapper Bedenkzeit, annahm und damit den 5:3-Endstand herstellte. 🙂

 

Auf alle Fälle hat dieser Kampf gezeigt, dass für die meisten von uns die Sommerpause zu lang gewesen ist, sodass wir zwar Vorteile erspielen können, die Verwertung allerdings noch recht wackelig ist. Außerdem ist klar geworden, dass Thierhaupten in dieser Verfassung nicht unbedingt zu den Abstiegskandidaten zu zählen ist. Zumindest interpretiere ich es so, denn an die Alternative, nämlich dass wir für die Meisterschaft zu schwach sein könnten, wage ich überhaupt nicht zu denken.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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