Showdown in Haunstetten

Am letzten Spieltag ging es um alles: Die Spieler der Zweiten hatten nicht nur den eigenen Aufstieg, sondern auch den der Dritten in ihren Händen. Auch für unsere Gastgeber, Haunstetten II, war es der entscheidende Kampf um den Klassenerhalt. Nach fast 5 Stunden und einem an Dramatik kaum zu überbietenden Verlauf des Wettkampfs sicherte schließlich Kevin mit seinem Matchpoint Sieg, Meisterschaft und Aufstieg für die Zweite sowie die Dritte.

Während die Erste bereits am vorletzten Spieltag Meisterschaft und Aufstieg klarmachen konnte, war uns nach wie vor Rochade Augsburg nach einer bärenstarken Saison dicht auf den Fersen. Zwar hatten wir bei den Brettpunkten einen komfortablen Vorsprung, waren aber nach Mannschaftspunkten gleichauf. Es musste also mindestens ein 4,5:3,5-Sieg her, sonst hätten unsere Verfolger die Chance zu überholen. Die Dritte konnte ihre Meisterschaft bereits am Samstag klarmachen: Mering hatte das entscheidende Match überraschend kampflos aufgegeben. Ob die Dritte allerdings auch in die Regionalliga aufsteigen darf, hing davon ab ob es uns (der Zweiten) gelingen würde, selbige nach oben zu verlassen. Unser Gegner Haunstetten II wiederum war zwar auf dem rettenden vorletzten Tabellenplatz, aber wie wir auf Punktgewinn angewiesen, um nicht überholt zu werden. In der letzten Saison war Haunstetten II dem Abstieg im letzten Spiel noch von der Schippe gesprungen und hatte u.a. mit einem 4:4 gegen den souveränen Aufsteiger Unterhaching auch bewiesen, dass sie jeder Mannschaft gefährlich werden können.

Eigentlich war es ein Heimspiel, aber nachdem unser Spiellokal nicht zur Verfügung stand hatte Haunstetten sich freundlicherweise bereit erklärt, den Kampf in ihren Räumen auszutragen. So fanden wir uns bei bestem Wetter rechtzeitig bei der Sportanlage der Haunstetter ein, und hätten mit Robert sogar noch einen 9. Mann in Reserve gehabt. Im Nebenraum spielte Haunstetten I in der Landesliga gegen SC Gröbenzell, auch hier war unter Umständen noch ein Aufstieg möglich. Nahezu pünktlich wurden die Uhren gestartet…

Brett 1:

Ron hatte es mit Schwarz mit einem nominell schwächeren Gegner zu tun, der ihm allerdings ordentlich einheizte. Die Stellung sah recht bald recht gedrückt aus, und ich war überrascht bis erleichtert, als nach gut 2 Stunden plötzlich Remis vereinbart wurde.

Endstellung bei Ron, der den Druck des weißen weitgehend neutralisiert hatte

Brett 2:

Mein Gegner und ich (Stefan) verließen schnell gesicherte Theoriepfade. Beiderseitig waren Zentralbauern mutig vorgestoßen nach e5 bzw. d4 und es war nicht recht klar, ob sich diese in Richtung „Vorposten“ oder eher „Schwäche“ entwickeln würden. Schließlich konnte ich meinen Vorposten tauschen und hatte mit Läuferpaar und einem gegnerischen rückständigen Bauern auf der e-Linie gewisse positionellen Vorteile erreicht. Zur Vermeidung von möglichem Gegenspiel gab ich diese allerdings wieder aus der Hand, und es wurde ebenfalls bald die Friedenspfeife geraucht.

Hier entschied ich mich, mit Se4 auf Nummer sicher zu gehen. Sf3 hätten die Vorteile Läuferpaar und Rückständiger schwarzer e-Bauer behalten, der befürchtete schnelle Vorstoß des schwarzen e-Bauern funktioniert nicht.

Brett 4:

Adnan B.s Stellung sah schon aus der Eröffnung heraus vielversprechend aus. Der gegnerische König war seines Bauernschutzes entblößt, mit einem Qualitätsopfer wurde auch der letzte Verteidiger beseitigt, kurz darauf war die Partie gewonnen und es Stand 2:1 für uns.

Wie konnte Adnan hier den schwarzen König endgültig zur Strecke bringen ?

Brett 3:

Vincents Partie sah für die Zuschauer lange interessant aber eher ausgeglichen aus. Es wurden früh die Damen getauscht, alle anderen Figuren blieben am Brett. Vincent gelang es besser, diese zu koordinieren, dann ging es recht schnell, und wir hatten den nächsten Punkt zur 3:1-Führung.

Mit welcher forcierten Abwicklung konnte Vincent hier Material gewinnen ?

Bis dahin hatten es auch auf den Brettern 5-8 durchweg mehr oder weniger vorteilhaft und damit in Summe sehr komfortabel ausgesehen. Doch dann wendete sich das Blatt: Während Kevin an Brett 5 Mühe hatte, aus seinem Vorteil etwas zählbares zu generieren, hatten sich die hinteren 3 Bretter allesamt in recht bedenkliche bis so gut wie verlorene Stellungen entwickelt. Plötzlich schien bestenfalls ein 4:4 erreichbar, und die Aussichten auf den Doppel-Aufstieg schmolzen wie ein Schneemann in der Sonne.

Brett 7:

Als nächstes war die Partie von Alex S. beendet. Er war aus Hamburg angereist, um uns an diesem wichtigen Spieltag zu unterstützen und war auch gut aus der Eröffnung gekommen. Dann verlor er allerdings den Faden, geriet in taktische Verwicklungen mit ungünstigem Ausgang und musst bald die Segel streichen.

Hier waren alle schwarzen Figuren hervorragend platziert, und es wäre Zeit für e5! gewesen.

Brett 8:

Auch Maxi hatte das Geschehen lange kontrolliert und es hatte den Eindruck erweckt, die gegnerische Stellung würde früher oder später zusammenbrechen. Tat sie aber nicht, stattdessen musste Maxi nach einem unterschätzten Eindringen des gegnerischen Läufers in ein eher schwieriges Doppelturmendspiel abwickeln. Es gingen 2 Bauern verloren und ein Turm wurde getauscht, und das resultierende Turmendspiel mit 4 gegen 2 sah aus wie „nur noch eine Frage der Technik“. Jedoch fand der Gegner keinen rechten Gewinnplan, Maxi traktierte ihn mit lästigen Schachs, und plötzlich wurde zu unserer freudigen Überraschung Remis vereinbart!

Schlussstellung bei Maxi: Remis !?

Beim Zwischenstand von 3,5:1,5 schien ein Sieg nun doch wieder im Bereich des Möglichen, wenngleich Mika’s Stellung mittlerweile recht klar verloren aussah und Kevin nach wie vor nur etwas Vorteil hatte…

Brett 6:

Mika hatte die Partie solide eröffnet und die Stellung war lange ausgeglichen. Im Turmendspiel leistete er sich allerdings mehrere Ungenauigkeiten, und Stand mit einem Minusbauern schließlich auf verlorenem Posten. Gelegentlich kam er dem Remis noch nahe, musste sich am Ende nach langem Kampf aber letzlich doch geschlagen geben.

Brett 5:

Kevin hatte sich früh den Vorteil des Läuferpaares sichern können, hatte allerdings im Gegenzug mehrere vereinzelte Bauern. Er lavierte und transformierte, ackerte und rackerte, und ließ sich von der Last zweier Aufstiege auf seinen Schultern nicht im geringsten Beirren. Schritt für Schritte vergrößerte er seinen Vorteil, während das Brett sich zusehends leerte und die Traube an Zuschauern immer größer wurde. Nach über 4 Stunden konnte er schließlich einen Bauern erobern konnte, wenig später fiel eine gegnerische Figur für einen Freibauern und kurz darauf wurde der entscheidende Punkt auf dem Formular signiert! Aufstieg!

Wie konnte Kevin (schwarz) hier den Durchbruch erzielen ?

Was für ein Match! Was für eine Saison!

Absolut Verdient führt Kevin die Topscorer-Liste der ganzen Liga mit 7.5/8 an, wie er mit seiner heutigen Leistung nochmal eindrucksvoll untermauert hat. Herausragend auch Quang und Adnan A. mit 100%-Quote bei 3 bzw. 5 Einsätzen. Aber auch viele andere Spieler haben richtig stark performt und dürfen sich über satte DWZ-Gewinne freuen. Damit sieht unsere Mannschaft dann schon richtig Landesliga-tauglich aus. Auch die Jugend hat geliefert, über die ganze Saison haben wir 42% unserer Bretter mit U20-Spielern besetzt, davon wiederum über die Hälfte gar aus der U16. Mit 67% der möglichen Punkte erzielten die Nachwuchskräfte nahezu die gleiche Ausbeute wie die Mannschaft insgesamt (70%).

In Summe erspielten wir in dieser Saison 50,5 Brettpunkte, auch das „ein Brett“. Zum Vergleich: unsere Erste hat bei ihrem Aufstieg in ebenfalls 9 Runden gerade mal 43,5 Brettpunkte gesammelt. Auch die Zahl der kampflos abgegebenen Bretter hielt sich mit 2 in Grenzen, hier liegen wir etwa im Liga-Durchschnitt. Alle Ergebnisse gibt es wie immer im Ligamanager.

Respekt auch vor unseren Verfolgern von der Rochade Augsburg! Immer schön tiefgestapelt, aber dann voll durchgezogen… Es ist wohl ein schwacher Trost, aber 16:2 MP ist ein herausragendes Ergebnis und hätte in ganz vielen Fällen zum Aufstieg gereicht. Einen Zweitplatzierten mit 16:2 Punkten, das hat es in allen 7 bayerischen Ligen (OL, LL, RL) zuletzt vor 8 Jahren (Oberliga 2017/18) gegeben.

Neben allen Spielern, die zum Aufstieg beigetragen habe möchte ich ein herzliches Dankeschön aussprechen an die Fahrer (neben mir v.a. Adnan B., sowie Vasko für einen „Spezialtransport“), die Mannschaftsführer vor Ort (Kevin, Robert) sowie die Partieneingeber (Quang / Robert). Und natürlich an unseren „sportlichen Leiter“ Alex V., der unermüdlich mit den verfügbaren Spielern jongliert, die Aufstellungen inklusive motivierender Zusätze versendet, und in unzähligen Mails und Telefonaten fehlende Rückmeldungen eingeholt und alle sonst kurzfristig auftauchenden Probleme aus dem Weg geräumt hat.

Jetzt geht es also für die Zweite erstmalig in die Landesliga. Dort erwarten uns neue Gesichter, gar nicht mal so viel längere Fahrtwege (es sind aktuell keine Mannschaften aus Ost-Bayern bzw. von „hinter München“ drin), Schiedsrichter und Elo-Auswertung, und natürlich: stärkere Gegner. Wir freuen uns drauf!

Auflösungen:

Brett 4: 1. Sc5! und schlagen ist tabu wegen Dg6+ nebst De6#. Nicht schlagen ist auch keine Lösung für Schwarz 😉
Brett 3: 1. … Sbd3+ 2. Lxd3 Sxd3+ 3. Kd1 Tb1+ 4. Ke2 Sc1+ 5. Ke3 Tb3+ und der Turm auf d2 geht verloren.
Brett 5: c5! und der schwarze Damenflügel zerbröselt.


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